Wir aktualisieren momentan unser Webseiten Design um die Erfahrung auf unserer Website zu verbessern.

Losung 39. Kalenderwoche

„Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römer 7, 18b -19)

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser, am heutigen Bibeltext kann man erkennen, dass sich die Welt in den letzten 2000 Jahren zwar äußerlich stark verändert hat, der Mensch sich aber letztlich immer treu geblieben ist. Er war, ist und wird es immer bleiben: „ein Hauer und Stecher“, wie es Martin Luther so treffend festgestellt hat. Darum wird es keinen verwundern, dass ich „das Gute, das ich will“ nicht tue, sondern „das Böse, das ich nicht will“ (Römer 7, 19).

Schon im Altertum war diese Erkenntnis Gegenstand ausführlichster Diskussionen. Grundlage der Auseinandersetzungen war die Tragödie „Medea“ des griechischen Dichters Euripides aus dem Jahr 431 vor Christus. Euripides beschreibt darin den im Kopf Medeas ausgetragenen Konflikt zwischen „Affekt“ und „Vernunft“. Am Ende siegt der „Affekt“, das heißt die oft unvernünftige und meist schnell vorübergehende Gefühlswallung, im Falle der Tragödie allerdings tragisch.

Doch, worum geht es? „Medea“, Tochter des Königs von Kolchis (im heutigen Georgien) und Enkeltochter des Sonnengottes „Helios“, half ihrem Geliebten „Jason“ das wundertätige „Goldene Vlies“ zu stehlen, welches ihrem Vater gehörte, indem sie kurzerhand ihren Bruder umbrachte. Gemeinsam mit „Jason“ flieht sie nach Griechenland, wo König „Kreon“ von Korinth ihr und ihrem Geliebten Asyl gewährt. Kaum in Korinth angekommen, beginnt „Jason“ eine Affäre mit der Königstochter „Glauke“. Wegen der Untreue ihres Geliebten von Hass zerfressen, schmiedet Medea Rachepläne. In einer heftigen Auseinandersetzung wirft sie Jason Verrat vor. Schließlich habe sie doch ihm zuliebe ihre Familie zerstört und ihre Heimat für immer verlassen müssen. Jason argumentiert demgegenüber rational und pragmatisch. Die Verbindung mit der Königstochter käme auch ihr und den gemeinsamen Söhnen zugute, da sie sonst als „Fremde“ stets Außenseiter blieben. Doch Medea lässt sich nicht beirren. Sie vergiftet den König und seine Tochter und tötet die gemeinsamen Kinder, um so Jason durch den Tod seiner Nachkommen zu strafen. Auf einem Drachenwagen, den ihr der Großvater und Sonnengott „Helios“ schickt, flieht sie daraufhin aus Korinth, um sich so der Verantwortung für ihre Taten zu entziehen.

Mögen negative Gefühlswallungen dank der Erkenntnisse moderner Naturwissenschaft durch die „Ausschüttung von Hormonen“ oder durch eine „genetisch bedingte Veranlagung“ verursacht sein, so enthebt dies dennoch niemanden von der Verpflichtung, sie weitestgehend einzudämmen.

Die meisten Denker des Altertums glaubten in der „Belehrung“ der Menschen einen Ausweg aus dem immerwährenden Konflikt zwischen der „Vernunft“ und dem „Affekt“ gefunden zu haben. So heißt es in Platons „Protagoras“: „Wenn einer das Gute und das Schlechte kennt, wird er von nichts anderem mehr gezwungen werden, irgendetwas anderes zu tun, als was das Wissen befiehlt“ (Protagoras, 352c).

Realistischer sieht der Apostel Paulus die Sache. Nur sehr selten überwindet die „Erkenntnis“ die „Gefühlswallung“. Lust und Unlust, Hass und Rache, Eifersucht und Leidenschaft wüten im Menschen so gewaltig, dass keine noch so ausgefeilte „Belehrung“ dagegen etwas auszurichten vermag. An die Stelle der prinzipiell allen Menschen zugänglichen „Erkenntnis“ dessen, was „das Gute und das Böse“ ist, setzt Paulus den Gehorsam gegenüber „Gottes Gesetz und Gebot“. Was „gut“ und „böse“ ist, erschließt sich nicht der Erkenntnisfähigkeit aller Menschen, sondern nur denen, die Gottes Gesetz als „Verkörperung der Erkenntnis und der Wahrheit“ haben (Römer 2, 20).

Das heißt nicht, dass Juden und Christen deshalb gegenüber den Nichtgläubigen die besseren Menschen seien. Auch sie bleiben, um noch einmal Luther zu zitieren, auch weiterhin „Hauer und Stecher“. Aber sie dürfen wissen, dass Gott ihnen vergibt, wenn sie sich ihm vertrauensvoll zuwenden. Und es ist nach Paulus der „Glaube“, der uns befähigt, die Welt gelassener zu sehen, so dass wir in der Lage sind, „negative Gefühlswallungen“ besser in den Griff zu bekommen. Dies trüge dann dazu bei, „das Böse, das ich nicht will“ (Römer 7, 19), seltener zu tun.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, der dieswöchige Artikel war der letzte dieses Jahres. Seit Mitte Januar schrieb ich wöchentlich einen Beitrag zu einem grundlegenden Text der Bibel oder einem Losungswort der Herrnhuter Brüdergemeine. Die Artikel sollten für alle jene ein Gottesdienstersatz sein, die aufgrund der Corona – Pandemie nicht am gewohnten Gemeindeleben teilnehmen konnten. Da wir inzwischen aber nahezu normale Verhältnisse im Gottesdienst und sonstigen Gemeindeleben haben und zudem unser schönes neues Gemeindehaus endlich fertig ist, entfällt die Notwendigkeit, durch Artikel „im Gespräch zu bleiben“. Deren Niederschrift hat mir viel Spaß gemacht, ich hoffe die Lektüre derselben Ihnen auch.

Bleiben Sie Gott befohlen!!!

Albrecht Mewes